
Brüssel, 21./22. November 2011 / Eine Jägerdelegation hat der EU-Kommission ihre Anliegen zum Grossraubtiermanagement in Europa vorgetragen. Am 21. November empfing EU-Umweltkommissar Janez Potocnik Vertreter der skandinavischen Länder und der Alpenjäger zu einem einstündigen Gespräch im Gebäude der EU-Kommission. Tags darauf folgte auf Einladung von Europaparlamentarierin Véronique Mathieu ein Austausch mit Pia Bucella von der EU-Umweltbehörde. Diese Treffen organisierte Angus Middleton, CEO des Dachverbandes der Jagdverbände Europas FACE. Kommissar Potocnik brachte zwar die wichtige Rolle der Jäger als Gesprächspartner im Dossier Grossraubtiere zum Ausdruck. Auch sind die Voraussetzungen und die Möglichkeiten für einen aktiven Umgang mit den geschützten Grossraubtieren unter der Habitat-Direktive aufgezeigt worden. Viel Forschungs- und Überzeugungsarbeit wartet aber noch auf die Vertreter der Jägerschaft, sollen in den EU-Ländern in absehbarer Zeit Lockerungen im Grossraubtierbereich erreicht werden.
Anlass der Gespräche mit der EU-Kommission zum Thema der Grossraubtiere ist die kontinuierliche Zunahme des Wolfsbestandes in zahlreichen Gegenden Europas. Dies hat aus Jägersicht beträchtliche negative Auswirkungen auf die Biodiversität und auf den Jagdbetrieb. So klagen nordische Jäger über die zunehmenden Wolfsdichten in Teilen von Schweden und Finnland. Dies gefährdet einerseits die seltenen Waldrentiere, reduziert andererseits die Rehbestände und führt zu häufigen Tötungen von Jagdhunden, die für die Elchjagd unverzichtbar sind. Während in Landesteilen Skandinaviens mit Schaf- und Rentierhaltung der Entwicklung von Wolfsrudeln durch amtlich bewilligte Tötungen entgegengewirkt und die Landwirtschaft dadurch unterstützt wird, werden Wolfsabschüsse in den jagdlich genutzten Gebieten stark eingeschränkt, mit untragbaren Folgen für die Jägerschaft.
Zunehmende Konflikte auch im Alpenraum
Auch aus dem Alpenraum und den angrenzenden Gebieten werden zunehmend Konflikte aufgrund steigender Grossraubtierzahlen und sich ausbreitender Populationen gemeldet. In Frankreich gibt es derzeit 27 Gebiete mit ständiger Wolfspräsenz. Besonders folgenschwer ist die Situation im Fall des Wolfes in den Westalpen und im Südosten Sloweniens. In Teilen der Schweizer Südwestalpen reduziert der Luchs die Reh- und Gemsbestände. Zur Förderung der Grossraubtierausbreitung scheinen sich die Behörden auch in Mitteleuropa insbesondere darauf zu konzentrieren, die Nutztierhalter mit finanziellen Anreizen zufrieden zu stellen. Den Jägern wurden aus Brüssel bisher keine Konzessionen gemacht. Dies war in der Schweiz nicht anders, bis das Rechtsgutachten von Thomas Müller aufzeigte, dass der Begriff des Wildschadens weit zu fassen ist. „Wie lange soll man noch warten, bis endlich Massnahmen zur Konfliktlösung im Wildtierbereich getroffen werden?“ fragte Torsten Mörner, Präsident des schwedischen Jägerverbandes, der EU-Kommission.
Wissenschaftlich fundierte Planungsgrundlagen erforderlich
„Managementpläne für Grossraubtiere erfordern keine Anpassung der Habitatdirektive und können bereits heute erarbeitet werden“, entgegnete EU-Kommissar Potocnik. Wichtig ist jedoch der nachhaltige und wissenschaftsbasierte Ansatz der Massnahmen. Zur Regulierung der Grossraubtierpopulationen fordert die EU-Kommission zahlreiche Studien und die Umsetzung aufwendiger Präventionsmassnahmen zum Schutz der Nutztiere. Auch soll aufgezeigt werden, ob Grossraubtiere für Menschen gefährlich sind. Die von den Mitgliedstaaten zu erarbeitenden Managementpläne müssen auf wissenschaftlich fundierte Planungsgrundlagen (Grossraubtier-Monitoring und Abschussplanung) basieren. Der Erhaltungszustand der Art darf keinesfalls aufs Spiel gesetzt werden: „Der Wolf muss in Europa in einem gesunden Zustand erhalten werden“, so Pia Bucella von der EU-Kommission. Als positives Beispiel erwähnte Frau Bucella die Art, wie die Schweiz vor gut 30 Jahren das Steinbockdossier behandelt hatte.
Ist der Erhaltungszustand des Wolfes günstig?
Der Wolf ist in der EU deshalb eine streng geschützte Art (Anhang IV der Habitatdirektive), weil der Populationszustand zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der europäischen Lebensraum- und Wildtierschutzgesetzgebung im Jahr 1992 nicht zufriedenstellend war. Es geht also auch darum, zu beweisen, dass der Erhaltungszustand des Wolfes in Europa nun günstig ist und dass sich die Art in vielen Gebieten etabliert hat. Es müssen weiter alle Alternativen zum Abschuss evaluiert werden; es muss also nachgewiesen werden, dass die negativen Einwirkungen mit anderen Massnahmen als der Abschuss nicht behoben werden können.
Die bereichernde Rolle der Schweiz
In Zusammenhang mit der Grossraubtierpolitik spielt die Schweiz eine durchaus bereichernde Rolle für Europa. Der soeben vom Bundesrat unterbreitete Vorschlag für eine Änderung der Berner Konvention, die es der Schweiz erlauben soll, Vorbehalte bezüglich des Wolfs anzubringen, löste bei den Jägervertretern grosses Interesse hervor. Ebenso spannend erschien der bereits erwähnte Ansatz der Schweiz, über die juristische Definition des Begriffes „Wildschaden“ neue Regulierungsperspektiven zu eröffnen. Schliesslich die Absicht des Schweizer Vorsitzenden der Plattform „Wildtiere und Gesellschaft“ der Alpenkonvention, bis 2013 Optionen für das Management der alpinen Wolfspopulation vorzulegen, ist mit Befriedigung zur Kenntnis genommen worden.
Hausaufgaben erledigen
Die Gespräche in Brüssel haben etwas klar gezeigt: als Erstes muss die Jägerschaft ihre Hausaufgaben machen. Die Jäger müssen die Nachteile des Grossraubtiereinflusses für die Jagd und für die Biodiversität klar und nachvollziehbar ansprechen und aufzeigen können. In den einzelnen Mitgliedstaaten müssen Allianzen geschmiedet und Mehrheiten gefunden werden. Grenzüberschreitende wissenschaftliche Untersuchungen müssen zeigen können, dass der Zustand der Grossraubtiere in Europa heute zufriedenstellend ist und dass die Regulierung der Populationen tatsächlich zur Steigerung der Akzeptanz in der Landbevölkerung beiträgt. Ohne eine derartige Vorarbeit wird die Jägerschaft in Brüssel kaum etwas erreichen können.
Marco Giacometti, Geschäftsführer von JagdSchweiz
Fotogalerie (Fotos: Martin Hoejsgaard)
Die Jägerdelegation am 21.9.11 vor dem Gebäude der EU-Kommission in Brüssel
Torsten Mörner (Schweden) übergibt EU-Kommissar Janez Potocnic ein Buch
Pia Bucella von der EU-Umweltbehörde hört den Anliegen der französischen Jäger zu
Europa-Parlamentarierin Véronique Mathieu tauscht sich über die Schweizer Grossraubtierpolitik aus














